„Gold ist definitiv drin“

Handbike-Weltmeisterin Christiane Reppe tritt mit Sitz aus Rinteln bei Paralympics an

Rinteln. Im September finden in Brasilien die Paralympics statt, die Olympischen Spiele für Menschen mit Behinderung
– und die Stadt Rinteln trägt ihren Teil dazu bei. Der orthopädische Sitzschalensonderbau-Hersteller Seats sorgt dafür,
dass die deutsche Handbike-Weltmeisterin Christiane Reppe (28) beim Rennen in Rio fest im Sattel sitzen wird.
Denn nur dann, wenn Reppe absolut fest und sicher in ihrem Sitz sitzt, ist sie auch in der Lage, alles aus sich herauszuholen.
Deshalb hat sich die Profisportlerin ihren Sitz für ihr neues Wettkampffahrrad von Seats maßschneidern lassen.
In der Werkstatt in der Braasstraße nehmen Orthopädiemechanikermeister Carsten Meine und Reppe das letzte Feintuning vor,
die letzte Anpassung des Sitzes. Ein paar Tage zuvor wurde Reppes Rücken eingescannt, der Sitz in 3D am PC modelliert und
der Schaumstoff von der Firma Polyform (Seats gehört zur Firmengruppe Polyform) direkt nebenan mittels CNC-Frästechnik in
die gewünschte Form gebracht. Jetzt noch der Feinschliff. Passt.

Normalerweise stellt Seats individuelle Sitzformen für Mehrfach- oder Schwerstbehinderte her,
schildert Geschäftsführer Christian Engel mit Blick auf einen Haufen entsprechend ausgestatteter Rollstühle auf der anderen
Seite des Raumes. Vereinzelt produziert Seats auch Sitze für Handbikes. Sonderanfertigungen wie jetzt für Christiane Reppe.
„Wir hoffen, mit unserem Sitz für Christiane noch das eine oder andere Watt mehr rausholen zu können“, sagt Engel.
Die Profisportlerin ist von dem Sitz überzeugt. „Ich merke einfach, dass ich in einem Standardsitz beim Kurbeln Probleme mit
den Schultern bekomme.“ Probleme, die bei einem anatomisch passgenau hergestellten Sitz gar nicht erst auftreten.
Das ebenfalls von Seats hergestellte aerodynamische Stumpfpolster an der rechten Vorderseite des Handbikes sorgt außerdem
für den nötigen Halt. Christiane Reppe hat kein rechtes Bein, es wurde im Alter von fünf Jahren wegen eines bösartigen Tumors
amputiert. Eine Besonderheit an dem neuen Sitz sind die Halterungen für die Getränkeflaschen an der Rückseite: Die zwei Löcher
muten an wie Auspuffrohre. Aber die hat Reppe gar nicht nötig.

Der blonden 28-Jährigen mit dem strahlenden Lächeln ist ihre Zeit als Profi-Schwimmerin noch deutlich anzusehen.
Ihre breiten Schultern und ihre kräftigen Arme zeugen von jahrelangem Krafttraining.
Dagegen sehen ihre Konkurentinnen regelrecht zierlich aus. Ihre erfolgreiche Karriere als Schwimmerin (mehrere Bronze-Medallien
bei Weltmeisterschaften und Paralympics) hängte sie 2012 an den Nagel. Ihr neues Steckenpferd wurde das Handbike-Fahren.
Als Handbikerin fuhr sie die Erfolge ein, die ihr als Schwimmerin nicht vergönnt waren: der Weltmeistertitel zum Beispiel,
den sie 2014, Disziplin Straßenrennen, überraschend errang und im Folgejahr verteidigte.
Straßenrennen ist ihre Lieblingsdisziplin. „Ich habe beim Fahren lieber Leute um mich herum“, sagt sie. 45 bis 50 Kilometer lang
sind diese Rennen. Kürzer sind die Strecken beim Fahren auf Zeit, etwa 16 Kilometer.
Die dritte Disziplin ist der Marathon. Beim Marathon letztes Jahr in Heidelberg stellte Reppe einen neuen Weltrekord bei den
Frauen auf: 1 Stunde und 26 Sekunden, Durchschnittsgeschwindigkeit: rund 42 Stundenkilometer.
Die letzten Vorbereitungen auf die Paralympics im September laufen. Im Juli geht es für das Höhentraining in die Höhenkammer
in Hannover, anschließend nach Rio de Janeiro. „Die Goldmedallie ist definitiv drin“, sagt Reppe selbstbewusst und fügt hinzu:
„Ich bin ja Weltmeisterin.“

Killmann, Phillipp.: „Gold ist definitiv drin“, in: Schaumburger Zeitung (05.06.2016)